Ein paar Gedanken zur Hunde“erziehung“

Es tut sich einiges in der Hundeszene. Durch den Teufel aus Kärnten, dem hoffentlich endgültig der Hahn abgedreht wird, hat sich viel in Bewegung gesetzt. Sehr erfreulich ist dabei, dass alle, die gewaltfrei mit Hunden umgehen, wesentlich selbstbewußter und lauter geworten sind. Denn endlich ist es bei den allermeisten zum Glück angekommen, dass mit aversiv arbeitenden und denkenden „KollegInnen“ Klartext gesprochen werden muss. Denn wer weder ein Gefühl für einen freundlichen Umgang mit Hunden hat, noch wissenschaftliche Erkenntnisse anerkennt, mit dem muss man kein Verständnis haben und für den muss man keine Zeit vergeuden.

Ich arbeite als selbständige Hundetrainerin seit 2004, also immerhin schon 22 Jahre. Und zwar gewaltfrei. Aber wenn ich darüber nachdenke, was für mich zu Beginn meiner Tätigkeit „gewaltfrei“ bedeutet hat und was ich heute darunter verstehe, dann sind da ganze Welten dazwischen.

Natürlich habe ich auch damals schon Hunde an langer Leine und Brustgeschirr geführt und selbstverständlich gab es keinen Leinenruck oder ähnlich Quälereien. Trotzdem gibt es einen ganz entscheidenden Unterschied zu meiner aktuellen Herangehenweise.

Ich bin mittlerweile davon überzeugt, dass die meisten Vorstellungen, was ein Hund alles können und lernen muss, letztendlich überflüssig sind.

Früher bin ich mit meinem Programm in den 6-7 Stunden bei meinen Welpen- / Junghundpaketen kaum durch gekommen. Jetzt lernen die Hunde alles, was sie und ihre Menschen brauchen, und wir haben noch viel Zeit für alle anderen Dinge: Fragen zu bestimmten Situationen, was die Menschen so von „Experten“ gehört haben, warum der Hund gerade jetzt genau das macht…. solche Dinge eben. Und so ganz nebenbei lernen die Menschen, dass man ganz entspannt und ruhig mit seinem Hund leben kann, ohne permanent in Panik zu verfallen. Sie lernen, dass junge Hunde wie kleine Kinder, wie heranwachsende Kinder, wie pubertierende Jugendliche sind und deshalb zu bestimmten Zeiten ihrer Entwicklung bestimmte Dinge tun, z.B. ständig ihren Menschen hinterherlaufen, oder einfach nur Grütze im Kopf haben. Und dass das kein Grund ist, ihnen schlimmste Motive wie Dominanz, das Streben nach Weltherrschaft oder Kontrollwahn zu unterstellen. Ganz im Gegenteil.

Natürlich gabs bei mir immer schon jede Menge feiner Leckereien für die Hunde. Nur habe ich die Hunde belohnt, heute bekommen sie einfach was, weil sie gerne etwas möchten oder weil es ihnen hilft, mit schwierigen Situationen fertig zu werden. Und komisch: es klappt trotzdem alles: herankommen, Leine locker halten, tauschen, kurz an der Tür warten….. Dinge, die man im Alltag eben braucht.

Habt ihr euch schon überlegt, was das Wort „Belohnung“ eigentlich beinhaltet? Genau. „Lohn“. Soll ich tatsächlich einen Hund dafür bezahlen, dass er etwas für mich tut? Weil er es sonst nicht macht? Das ist doch absurd. Denn das würde bedeuten, falls ich nicht die richtige oder gar eine Bezahlung dabei habe, klappt nix mehr. Wie lief das dann vor Einführung der „Belohnung“? Ging dann alles drunter und drüber? Haben die Hunde ihren Menschen permanent den Stinkefinger gezeigt? Klappts tatsächlich erst so richtig, seit Menschen alle möglichen Kekse unter die Hunde streuen?

Das kann doch niemand ernsthaft glauben, oder?

Um das klar zu stellen: wir gehen immer mit einer großen Bauchtasche voller Leckereien spazieren, und zwar egal ob ich mit meinen Hunden oder mit Kundenhunden unterwegs bin. Und ich setze selbstverständlich die Kekse ganz gezielt in vielen Situationen ein: wenn der Hund etwas zum Kauen braucht, um seinen Stress zu bewältigen, z.B. bei einer schwierigen Hundebegegnung. Oder damit er gut durchhält, wenn die gefährliche Fahrradtruppe vorbei fährt. Oder um den Fokus auf was anderes zu richten und er den Kopf frei kriegt, wenn am Waldrand die Damhirsche unterwegs sind….. oder, oder, oder. Vielleicht aber auch nur, weil ein Hund mich fragt, ob er was haben kann, oder weil wir gerade Pause machen und er einfach sehr, sehr gerne Kekse im Gras sucht.

Hunde essen gerne. Ich übrigens auch. Und wenn wir mit ihnen Essen teilen und noch dazu sehr feines Essen, dann finden sie uns gut. Geht mir genauso. Wenn jemand mich zum Essen einlädt und richtig gut kocht, den Tisch schön deckt, was Gutes zum Trinken bereit hält, gehe ich davon aus, dass dieser Mensch mich mag und mir eine Freude machen möchte? Oder sieht das jemand anders? Und selbstverständlich bin ich bereit, für so jemanden auch ein bisschen mehr zu tun, als für jemanden, dem ich nichtmal eine Pizza mit Dosenbier vom Pizzaservice wert bin – auf das kann ich gerne verzichten.

Ja, logisch, oder? Und bei Hunden, die sozial so wie wir gestrickt sind, die sehr kooperativ sind und sehr genau beurteilen können, wer es gut mit ihnen meint und wer nicht, da soll das anders sein?

Denkt mal drüber nach.

So, und jetzt noch was zur Futter“belohnung“.

Carolin Hoffmann, von der Hundeschule nicht nur hund, hat vor ein paar Tagen etwas sehr lesenswertes über das ach so effektive Blocken auf facebook gepostet. Wer nicht weiß, was das ist: ein Hund tut etwas, was mir nicht passt, z.B. kommt er auf die Idee, dass er ein paar Schritte vor mir laufen möchte. Ich will das aber nicht, weil ich mir habe einreden lassen, dass das – aus welchem Grund auch immer – total verboten ist, also stelle ich mich abrupt vor ihn oder stelle ihm ein Bein. Natürlich erschrickt er. Und weil er dazu stehenbleibt, gebe ich ihm ein Leckerchen. Ein winzig kleines natürlich, wir wollen ja nicht übertreiben. Und natürlich ein Stückchen von dem Trockenfutter, das sowieso den ganzen Tag im Napf liegt. Überraschung: er wills gar nicht. Das ist dann für viele Menschen der Beweis, dass Futter“belohnung“ überflüssig ist, weil der Hund brauchts offenbar ja gar nicht.

1. Das was der Hund sowieso dauernd bekommt, braucht er nicht auch noch als „Belohnung“. Wenn ich schon der Meinung bin, ich muss meinen Hund für Leistung bezahlen, dann auch bitte so, dass er es auch Belohnung empfindet.
2. Carolin Hoffmann hat sehr richtig geschrieben, dass ich den Hund für was ganz schräges „belohne“, nämlich fürs Abbrechen einer Handlung. Lerntheoretisch ist da so verdreht, dass mir die Worte fehlen, deshalb zitiere ich wörtlich aus ihrem Post: „Eine Belohnung ist lerntheoretisch eine positive Verstärkung, etwas positives wird hinzugefügt. In diesem Fall wird der Hund fürs Abbrechen belohnt. Abbrechen wird verstärkt????“ Denkt mal drüber nach, was das für ein verdrehter Unfug ist. Deshalb vielen Dank an Carolin Hoffmann!
3. Der Hund kapiert überhaupt nicht, was das soll. Er will etwas ganz harmloses, nämlich ein paar Schritte weiter vorn oder seitlich oder wo auch immer laufen und wird dafür bestraft mit einer dermaßen groben Aktion, dass ihm angst und bange wird. Und dafür einen Keks? Echt jetzt? Der muss erstmal verarbeiten, was hier gerade passiert ist. Ob er das jemals versteht, steht in den Sternen. Aber dass er jetzt gerade mal keinen Bock auf Kekse hat, finde ich sehr nachvollziehbar.

Egal wie ich es drehe und wende, das mit der „Belohnung“ ist eine merkwürdige Sache. Habe ich die richtigen Kekse im richtigen Moment eingesetzt oder war ich zu schnell oder zu langsam? Was tue ich, wenn ich nur 4 Sorten dabei habe und eigentlich noch das Superleckerchen für die Supergausituation brauche? Ist das jetzt gerade richtig, ihn zu belohnen oder verstärke ich das falsche…..

Ich seh förmlich die Rauchwolken über den Köpfen, während sich Menschen, die alles richtig machen wollen, diese zermartern, anstatt einfach mit ihren Hunden einen gemütlichen Spaziergang zu machen, Kekse streuen, wenn ihnen und ihrem Hund danach ist, oder zuhause ein paar nette Spiele mit Leckerchensuche anzuregen oder oder oder….

Erziehung heißt nichts anderes als „Vorbild sein“. Ein gutes Vorbild weiß, wie Leben geht und kann es seinem Hund auch zeigen. Dass er nebenbei noch so Sachen lernt wie: „komm zu mir, wenn ich dich rufe“ oder „gib mir mal das komische Dings da, das du aufgesammelt hast“ oder „warte mal einen Moment, bevor du aus dem Auto aussteigst“ ist überhaupt kein Hit mehr.

Denkt mal drüber nach.

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