„Hunde müssen Ruhe lernen dürfen.“

Ich freue mich sehr, dass ich hier einen sehr guten und lesenswerten Text meiner Kollegin Simone Mangold vom Hundezentrum Rems-Murr https://www.hundezentrum-remsmurr.de veröffentlichen darf.

Schon bei „müssen“ verdrehe ich innerlich die Augen 🙄

Und dann „Ruhe lernen“?

Hunde sind hochsoziale Wesen. Biologisch betrachtet ist Ruhe kein Trainingsziel, sondern ein Grundbedürfnis. Ein Zustand, der entsteht, wenn soziale Sicherheit, Bindung und emotionale Synchronität gegeben sind.

Die Verhaltensforschung bestätigt genau das:

Hunde regulieren ihr Verhalten und ihren inneren Zustand nicht isoliert, sondern im ständigen Austausch mit ihrem sozialen Partner – dem Menschen. Forschungen aus dem Umfeld des Family Dog Project um Ádám Miklósi zeigen, dass Hunde evolutionär darauf spezialisiert sind, sich an menschliche Emotionen, Aufmerksamkeit und Präsenz anzupassen. Nicht über Konditionierung – sondern über soziale Koordination.

In einer vielzitierten Studie (Miklósi et al., Current Biology) wird deutlich, dass Hunde menschliche Kommunikationssignale wie Blick, Haltung und Intention spontan in ihr Verhalten integrieren. Dieses soziale „Mitschwingen“ ist kein erlerntes Kommando, sondern Teil ihrer kognitiven Ausstattung als Sozialpartner des Menschen.

Was passiert jedoch im Alltag?

Der Mensch bringt durch sein eigenes Tempo, seine innere Unruhe und permanente Erwartungshaltung Spannung in den Hund. Und statt innezuhalten, selbst regulierend zu wirken und gemeinsam zur Ruhe zu kommen, wird vom Hund verlangt, allein ruhig zu sein – häufig über Training.

Doch Training ist keine Unterstützung.

Training fordert Verhalten und verstärkt es im besten Fall.

Innere Ruhe aber ist kein Verhalten – sie ist ein physiologischer und emotionaler Zustand.

Auch neuere Arbeiten aus der Bindungs- und Kognitionsforschung zeigen: Hunde synchronisieren ihre Herzfrequenz, ihre Erregung und ihr Stressniveau mit dem ihrer Bezugsperson. Ruhe entsteht dort, wo der Mensch selbst zur sicheren Basis wird – nicht dort, wo der Hund etwas „aushalten“ oder „lernen“ soll.

Oder, wie Miklósi es sinngemäß beschreibt (u. a. in Dog Behaviour, Evolution and Cognition):

Der Hund ist kein trainierter Reiz-Reaktions-Apparat, sondern ein sozialer Partner, dessen Verhalten nur im Kontext der Beziehung verstanden werden kann.

Wenn Mensch und Hund in echte Synchronität gehen – emotional, körperlich, sozial – geschieht Ruhe ganz von selbst.

Nicht als Übung.

Nicht als Leistung.

Sondern als natürlicher Zustand eines sozialen Wesens, das sich sicher fühlt.

Wir sollten also weniger darüber sprechen, was Hunde lernen müssen – und mehr darüber, wie wir selbst Ruhe verkörpern.

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